Den „Ritualen der Mitte – Reproduktionsmechanismen von Rassismus und problematischen Handlungsroutinen im Umgang damit“ gehen Christa Kaletsch und Manuel Glittenberg vom hessischen DeGeDe-Projekt „Zusammenleben neu gestalten“ in einem Aufsatz nach, der in dem von Tina Dürr und Reiner Becker im Wochenschau Verlag herausgegebenen Sammelband: „Leerstelle Rassismus? Analyse und Handlungsmöglichkeiten nach dem NSU“ gerade erschienen ist.

In der Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex und insbesondere mit dem polizeilichen und medialen Umgang mit den rassistischen Taten, den Betroffenen und ihren Angehörigen lassen sich Einblicke in alltägliche Wahrnehmungsmuster und Handlungsroutinen gewinnen, die den Umgang mit rassistischem Geschehen in Deutschland insgesamt prägen. Der Sammelband ist aus einer konsequent betroffenensensiblen Haltung heraus konzipiert und verdeutlicht die Schwierigkeiten und Hemmnisse in Deutschland Rassismus besprechbar zu machen und damit wahr- und ernst zu nehmen. Gleichzeitig werden rassismuskritische Perspektiven eröffnet und aufgezeigt, was nötig und möglich wäre, um die Bedürfnisse von Opfern rassistischer Gewalt zu würdigen und eine fundierte Auseinandersetzung mit Rassismus in der pluralen Einwanderungsgesellschaft zu ermöglichen, die immer auch eine postnationalsozialistische ist. Neben Einblicken in Rassismusforschung, Sprachanalysen und erinnerungskulturellen Konzepten, eröffnet Karim Feiridoonni u.a. Zugänge der Thematisierung des „NSU als Gegenstand der Lehrer_innenbildung im Fach Sozialwissenschaften“. Aliyeh Yegane Arani berichtet von Erfahrungen mit der bundesweit ersten und bisher auch einzigen Antidiskriminierungsstelle, die sich Rassismus in Schule annimmt. 

Dem Sammelband liegt eine gleichnamige Tagung des Beratungsnetzwerks Hessen zugrunde, die im Juni 2016 anlässlich des zehnten Jahrestages der Ermordung Halit Yozgats durch den NSU in Kassel veranstaltet wurde. Ausgehend von ihren Beratungserfahrungen hatten sich Kaletsch und Glittenberg hier in einem theoriegeleiteten Impuls kritisch mit dem im Kontext von Rassismus und Rechtsextremismus häufig zu beobachtenden Phänomen der Täter*innenfixierung und der damit verbundenen Ausblendung von Betroffenenperspektiven auseinandergesetzt und ihre Überlegungen zu Mechanismen des Othering an einem gleichermaßen plastischen wie symptomatischen Beispiel in Schule entwickelt.

Wer wird gesehen? Wer bleibt unsichtbar? Wessen Expertise wird anerkannt? Wessen Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt des Interesses und bei der Entwicklung von Handlungsstrategien? Was kann wie benannt und angesprochen werden? Was bleibt verborgen, wird überhört und unsichtbar gemacht?

Diese Fragen können das Handlungsfeld im Umgang mit Rassismus aufspannen helfen und eröffnen einen Blick auf die wahrzunehmende Dynamik zwischen den im Rahmen gewaltförmigen Geschehens entstehenden Positionen: potentiell Betroffene (Opfer), Akteur*innen (Täter*innen) und Beteiligte (Zuschauer*innen). Gleichermaßen nehmen sie die häufig auf die Täter*innenposition verengte Sicht in den Blick und verdeutlichen die fehlende Wahrnehmung potentiell Betroffener-Perspektiven.

Der Text verdeutlicht die Notwendigkeit das Thema Rassismus in einer Weise besprechbar zu machen, die die häufig unsichtbar gemachten Perspektiven Betroffener von rassistischer Gewalt wahr- und ernst nimmt, um Prozesse sekundärer Viktimisierung vorzubeugen und Empathie und Solidarität anzuregen. In diesem Zusammenhang bietet das Projekt „Zusammenleben neu gestalten“ für Schulen auch Formate der politischen Bildung zum Thema Rassistische Gewalt, Betroffenenperspektiven und Erinnerungskultur an.

von Christa Kaletsch & Manuel Glittenberg