Einblicke in den Beratungsansatz und die daraus resultierenden Effekte des Projekts Zusammenleben neu gestalten.

“Jetzt lebe ich schon drei Jahre hier in diesem Wohnheim, aber so eine schöne Party habe ich hier noch nie erlebt“, berichtet Ali. Der junge, vor Repressionen aus der Türkei geflohene Lehrer, freut sich ein bisschen. Sonst wirkt der stets sehr hilfsbereite Mann oft sehr nachdenklich. Auch Jawad ist an diesem Abend glücklich, vergisst für einen Moment die Sorgen um seine Frau und die Kinder, die noch immer nicht aus Afghanistan nachreisen durften. Jawad hat viel Zeit in die Gestaltung von „New Cafe“, dem – gemeinsam mit den ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe Engagierten – geschaffenen Begegnungsort in der improvisierten Unterbringung für alleinstehende Männer mit Fluchterfahrung gesteckt. Ein solcher Ort fehlte bisher in der für temporären Aufenthalt umfunktionierten Lagerhalle, in der die meisten der zwischen 50 und 80 Bewohner nunmehr mehr als drei Jahre leben müssen.

Rund siebzig Menschen sind gekommen, um den Ort einzuweihen. Ein Bewohner begeistert alle Besucher_innen mit selbstkomponierten Rap-Stücken; die Musikanlage hat ein Mitarbeiter der Security bereitgestellt; Bewohner, ehemalige Bewohner, aber auch viele Mitglieder der Flüchtlingshilfe und Schlüsselakteure der Gemeinde: wie der Stadtrat, Pfarrer_innen, Schulleiter_innen und Mitglieder der Flüchtlingshilfe sind gekommen. Der Austausch zwischen den ehrenamtlich Aktiven und den Bewohnern ist intensiv geworden – in den vergangenen vier Monaten. Darüber freut sich auch Hakim, auf dessen Initiative hin im Grunde überhaupt alles ins Rollen kam. Er hatte im Herbst 2018 bei Gesprächen im „Cafe Blauhaus“ – einem bereits vor drei Jahren von den ehrenamtlich Aktiven initiierten Treff – angeregt, dass das Projekt-Team in die Gemeinschaftsunterkunft kommt, um hier die Perspektive der hier lebenden, alleinstehenden Männer kennen zu lernen – und deren Wahrnehmungen, Perspektiven und Bedürfnisse an die Ehrenamtlichen weiterzugeben.

„Ich glaube, wir sind vergessen worden…“

Dadurch kam einiges ins Rollen: Die Männer, die wie die anderen auf Wunsch der Flüchtlingshilfe von dem Team „Zusammenleben neu gestalten“  Befragten – überwiegend Familien, die verteilt über die fünf Ortsteile in Wohnungen untergebracht sind – das Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen zu schätzen wussten und auch das soziale Klima vor Ort allgemein als freundlich beschrieben – machten deutlich, wie kräftezehrend das Leben in der Gemeinschaftsunterkunft ist und ließen durchblicken, dass sie sich unwohl und abgehängt fühlen. „Wir sind vergessen worden“, fasste Ali den Eindruck vieler zusammen. „Es kommt keiner hierher. Die Menschen scheinen sich vor uns zu fürchten. Wir sind doch ganz normale Menschen. Ich kann hier auch keine Freunde treffen, die ich bei meiner Arbeit kennen lernen. Ich schäme mich für den Ort, in dem wir leben müssen.“ Die Gesprächspartner entschieden sich dennoch für eine Führung durch die „Wohnräume“ der Lagerhalle, berichteten von der Unmöglichkeit, Ruhe zu finden, lernen, lesen oder schlafen zu können, von der Kälte in den Winternächten und den unzureichenden Hygienebedingungen. Bei dieser Begegnung warf Hakim, der in Afghanistan ein Politikstudium begonnen hatte – ehe er fliehen musste –  die Frage nach der Relevanz der Menschenrechte auf und das Team sortierte die gewonnenen Eindrücke auf der Folie der sozialen Menschenrechte und sah insbesondere das Recht auf (angemessenes) Wohnen, das „mehr meint als ein Dach überm Kopf“ (vgl. Michael Krennerich 2013: Soziale Menschenrechte) berührt.

Gemeinsam mit dem großen Lob der diversen Gesprächsrunden für das Engagement der Flüchtlingshilfe vermittelte das Team bei einer Abendveranstaltung, an der über 30 ehrenamtlich Engagierte kamen, um die Ergebnisse der Gespräche mit den Geflüchteten kennen zu lernen, auch die Sorgen der in der Gemeinschaftsunterkunft Lebenden. Die Teilnehmenden bildeten noch an diesem Abend Arbeitsgruppen mit drei Zielen: für mehr Begegnung sorgen, gemeinsam mit den Bewohnern einen Ort in der Wohneinrichtung schaffen, an dem man sich wohlfühlen kann und die Kritik an der Unterbringung ernstnehmen.

Es ist einiges passiert seit Hakim im September 2018 den Anstoß gab, die Perspektive der in der Lagerhalle Wohnenden stärker in den Blick zu nehmen, bis zur Eröffnung von „New Cafe“ Anfang März 2019. Klar freut er sich, aber seine Freude schmälern düstere Gedanken. Er sorgt sich, wie es weitergehen soll und fürchtet, dass nach der Party nichts Weitergehendes geschieht und alles im Grunde doch beim Alten bleibt.

Mit Bezug auf die Menschenrechte für die Schließung der Lagerhalle kämpfen

Soll es nicht, da sind sich Flüchtlingshilfe und Stadtrat einig und formulieren dies – nicht nur an diesem Abend – ganz deutlich: Die Lagerhalle soll geschlossen und für die Männer mit Fluchterfahrung angemessene Unterkünfte gefunden – und da diese fehlen – eiligst welche gebaut werden. Die Vorsitzende der Flüchtlingshilfe findet deutliche Worte: „Diese Art der Unterbringung ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte, denn das Recht auf Privatsphäre ist nicht gewährleistet. Wenn so viele Bewohner mit verschiedenen Lebens-Rhythmen auf engem Raum leben müssen ergeben sich zwangsläufig Konflikte. Schlaf und Erholung sind schwer zu finden. Unter traumasensiblen Gesichtspunkten ist die Lebenssituation unverantwortbar“, beschreibt sie die Situation bei der öffentlichen Eröffnung des New Cafe und begründet damit auch die Forderung, nach Schließung der Lagerhalle als Wohneinrichtung.

Diese Forderung zügig und laut zu formulieren, hatte große Dringlichkeit nachdem die Ergebnisse der als „Bilanzierungs-Workshops“ gestarteten Runde – die vom Team Zusammenleben neu gestalten – konzipiert und durchgeführt wurde – an die Flüchtlingshilfe rückgespiegelt wurde. Denn in diesem Moment wurden Pläne der Stadt bekannt, die bisher angemietete Lagerhalle zu erwerben. Dies barg die Gefahr, dass das „belastende Provisorium in ein dauerhaftes Matyrium“ – so ein Vorstandsmitglied der Flüchtlingshilfe – zu verwandeln. Um dies zu verhindern, suchte die Flüchtlingshilfe das Gespräch mit Schlüsselakteuren in der Stadt(politik) und darüber hinaus die Öffentlichkeit. Dazu bat die Flüchtlingshilfe das Team um ein Dossier, auf dessen Grundlage gestützt, sie die Schließung der Lagerhalle als Unterbringung fordern konnte. Neben dem gewünschten Bericht, stellte das Team die Ergebnisse der Befragungen auch in städtischen Gremien vor.

Die gleichermaßen dialogische wie menschenrechtsorientierte Ausrichtung des Projekts Zusammenleben neu gestalten kam dabei zum Tragen und konnte vor Ort Wirkung entfalten, da dieser Beratungsansatz von den Beratungsnehmenden gut angenommen und entsprechend umgesetzt werden konnte. Derzeit setzen sich haupt- und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe Tätige, Kommunalpolitiker und Betroffene mit Fluchterfahrung gemeinsam für eine Veränderung der Lebensbedingungen der Bewohner der Lagerhalle ein.

Dialogisch und menschenrechtsbasiert – die Elemente des Beratungskonzepts

Das all dies möglich wurde hat – aus unserer beraterischen Perspektive – verschiedene Gründe: eine vertrauensvolle, über zwei Jahre gewachsene Arbeitsbeziehung, in der neben den etwa dreißig Mitgliedern der Flüchtlingshilfe auch die hauptamtlich in der Flüchtlingshilfe tätigen Sozialarbeiter_innen und zuletzt auch die neu vor Ort lebenden Menschen mit Fluchterfahrung einbezogen werden konnten. Die Angebote des Teams umfassen Beratungs- und Vermittlungsgespräche, Unterstützung bei der Leitbildentwicklung, Workshops zur Reflexion der ehrenamtlichen Arbeit, der Zielperspektiven und Angebote und Fortbildungen zur Auseinandersetzung mit Rassismus, Rechtpopulismus, Konfliktbewältigung und Deeskalation.

Die selbstverständlich immer wiederkehrende Einladung, sich mit Menschen- und Kinderrechten zu verknüpfen und diese als Bezugs- und Bewertungsrahmen zu nutzen, führte zu Perspektiverweiterungen und trug zur Stärkung und Handlungssicherheit der Beteiligten bei. Es zeigt sich, wie gewinnbringend es ist, Menschenrechtsbildung in die politische Bildung und in die Erwachsenenbildung miteinzubeziehen und nicht nur potentiell von Menschenrechtsverletzungen Betroffene oder Schlüsselakteure, die in Gefahr stehen, Menschenrechte zu verletzen (wie z.B. (Polizei)Beamt_innen, Richter_innen und Ärzte) damit zu adressieren.

Gerade für Menschen, die sich mit Fragen von Flucht und Migration auseinandersetzen, ist es wichtig, eigene Wahrnehmungen und Bilder von und über Geflüchtete reflektieren zu können, unbeabsichtigte Anschlussmechanismen und unbewusste Reproduktionen rassistischer Wahrnehmungsmuster zu entdecken und entsprechende – die Würde aller wahrende – Handlungsalternativen zu suchen.

Nicht immer treffen wir in unseren Beratungskontexten auf eine derart beindruckende Bereitschaft zur Reflexion und anschließenden Verhaltensmodifikation. Im beschriebenen Fall wurde erlebbar, was es bedeuten kann, wenn sich die Rahmung ändert und die Notwendigkeiten der Entwicklung einer Teilhabekultur sichtbar werden. Karl-Peter Fritzsche weist in seinem kürzlich erschienenen Essay zu: „Menschenrechtskultur und Menschenrechtsbildung in Zeiten großer Flüchtlingsbewegungen“ auf den Paradigmenwechsel hin, der sich vollziehen kann, wenn sich die Willkommenskultur zu einer Kultur der Menschenrechte entwickelt. Aus der „Hilfsbereitschaft für hilfsbedürftige Opfer“ wird die „Anerkennung schutzberechtigter Rechtsträger“ (Fritzsche 2019,47). Ein klarer und eindeutiger Bezug auf die Menschenrechte bietet die Chance, sich klar gegen die Menschenwürde in Fragestellende Haltungen zu positionieren. Gleichzeitig – auch darauf verweist Fritzsche – entsteht ein „kritisches Analysepotential“ (Fritzsche 48).

Dass Menschenrechte – wie von dem früheren Innenminister Gerhart Baum anlässlich des 70jährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert – „ein wichtiges Bindeglied zwischen Politik und zivilgesellschaftlichen Miteinander“ (Baum 2018, 12) sein können, zeigt das beschriebene Beispiel. Dass „Menschenrechte, Menschen brauchen, die sie verteidigen“ (Baum ebenda) auch.

von Christa Kaletsch, 05.05.2019

Literatur:

Baum, Gerhart 2018: Ohne Hoffnung gibt es keinen Wandel: in Amnesty Journal 12/2018.

Fritzsche, Karl-Peter 2019: Menschenrechtskultur und Menschenrechtsbildung in Zeiten großer Flüchtlingsbewegungen, in: Förster/Beutel/Fauser (Hg.): Angegriffene Demokratie, S. 45-60.

Michael Krennerich 2013: Soziale Menschenrechte.