Thema des Monats

„Meine Schule bin ich“ – Eindrücke vom Ganztagsschulkongress 2018 in Hamburg

„Ja, ja, ja – los, los, los – jetzt, jetzt, jetzt – ha, ha, ha!“ Wenn 350 Menschen dies im Rhythmus skandieren und dazu in die Hände und auf die Schenkel klatschen, dann entsteht eine gute Stimmung. Aber in wahres Gelächter mündet die Aktion, wenn der Initiator vorher erklärt hat, dass es um den Weg einer Idee von der Schule zur Behörde geht.

Derjenige, der die Masse so einstimmt („Ich hab mal eine Weiterbildung in Spielpädagogik gemacht“), ist Schulleiter Björn Lengwenus, und was er in den anschließenden 50 Minuten liefert, ist derart beeindruckend, dass sich allmählich ein ehrfürchtiges Schweigen einstellt und zum Schluss ein überschwänglicher Applaus. Er porträtiert Idee und Praxis seiner Schule so eindringlich, dass danach alle Anwesenden wissen, warum der Ganztagsschulverband diesen Ort für seinen diesjährigen Kongress gewählt hat. Es ist die Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg im Hamburger Stadtteil Dulsberg, mit 1400 Schüler*innen von der ersten bis zur vierzehnten (!) Klasse, eine Eliteschule (Sport) im sozialen Brennpunkt, deren Absolvent*innen an internationalen Wettkämpfen teilnehmen und die zugleich an der „Marke“ Dulsberg mit einem eigenen Label arbeitet, um die Identifikation der Schulnachbarschaft mit ihrem Stadtteil zu stärken und die Schule als einen Ort für alle wahrzunehmen. Exzellenz und Inklusion müssen also kein Gegensatz sein. Das geht allerdings nur mit einer kollegialen Gemeinschaft, die Engagement und Mut mit List und Beharrlichkeit verbindet. Wo bekommt man ein solches Personal? „Wir betonen einfach in der Ausschreibung einer Stelle“, sagt Lengwenus, „dass wir Leute suchen, die Lust haben, an der Schule mit anzupacken.“

Fokus seiner Schulpräsentation ist eine Pädagogik, die das Wechselspiel von Anerkennungskultur, Selbstwirksamkeitserfahrung und Mitwirkung ausbuchstabiert hat. Schulklassen bekommen Raum und Zeit für die Willensbildung und die Herausbildung stabiler Gemeinschaften. Dabei spielt die künstlerische Gestaltungsfreiheit eine ganz große Rolle; eingespielte Videos aus Schüler*innenproduktion belegen das. Eine der zentralen Aussagen „Wir wollen das so!“ beeindruckt so sehr, dass dieser Satz als Motto in diversen Workshops auftaucht.

Überhaupt geht der Ansatz des Kongresses „Demokratie in der Ganztagsschule“ weit über demokratiepädagogische Fragestellungen hinaus. Grundfragen des demokratischen Zusammenlebens, der Sicherung der Demokratie, der Gestaltung der demokratischen Grundordnung, der Auseinandersetzung mit menschenfeindlichen, rassistischen, nationalistischen Positionen werden in den Präsentationen und im Vortrag von K. Edler thematisiert. Wieviel Dialogbereitschaft brauchen wir angesichts von Hasskampagnen und populistischer Untergrabung demokratischer Werte? Wo müssen Grenzen gezogen werden und wie? Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen – gilt das noch in der Migrationsgesellschaft?

J.Makkonen begegnet einem in Teilen irritierten Publikum, als er die „Hotline für besorgte Bürger“ vorstellt, hinter der sich eine Telefonnummer verbirgt, bei der man „über Flüchtlinge, Migranten, Muslime, Asylbewerber und deutsche Werte sprechen darf. Man kann über Erfahrungen, Fragen, Ärger oder Sorgen reden und das in einem vertrauten und anonymen Rahmen.“ J. Makkonen betont die Notwendigkeit des Gesprächs, des Zuhörens, des Verstehens als Basis für ein neues Zusammenfinden von gesellschaftlich weit auseinandergedrifteten Positionen – ohne alle Positionen von „besorgten Bürgern“ teilen zu müssen. Ziel des Vereins ist die „interkulturelle Verständigung und Wertschätzung unter fremdkulturellen Menschen“. Überzeugend an diesem Ansatz ist der Dialog über Tabugrenzen hinweg – bleibt die Frage, welchen Beitrag interkulturelle Verständigung zur Demokratiebildung und Demokratiesicherung leistet.

Bei den „Heimatsuchern“ ist der Blick zurück nach vorn gerichtet. V. Eisenhardt schildert eindringlich ihre eigenen Erfahrungen mit Begegnungen von Holocaustüberlebenden in Israel. „Im Projekt Heimatsucher ist uns wichtig, den Zeitzeug*innen einen Teil ihrer Verantwortung gegen das Vergessen abzunehmen und stattdessen den folgenden Generationen eine aktive Rolle in der Erinnerungskultur als Zweitzeug*innen zu ermöglichen.“ Deshalb interviewen Schülerinnen und Schüler „Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und werden dann selbst zu (Zweit)Zeug*innen, indem sie in ihren Schulklassen davon berichten – und damit hoffentlich stark gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden.

Auch K. Edler wird später in seinem Vortrag auf das Thema Diktatur zu sprechen kommen: „Wir müssen mit jungen Menschen über Diktatur reden – wie es heute funktioniert. Bei 55 Millionen Followern braucht Trump keine Medien.“

Sein eindringlicher Hinweis auf die Notwendigkeit eines Grundrechtekonsenses angesichts von Schüler*innenäußerungen wie „Ich brauche keine Freiheit, ich habe meinen Glauben“ wirft auch die Frage nach politischer Bildung für alle Lehrenden auf und verweist auf den einzig möglichen Konsens einer freiheitlichen Gesellschaft der Bundesrepublik: die Menschenrechte und das Grundgesetz. Der gesellschaftliche Diskurs über Umgang mit Heterogenität, die Auseinandersetzung um das „Wir“ und der damit verbundene Herkunftsdiskurs, der dann zu „Wirs“ führt, die sich gegen andere richten, braucht als Basis den Konsens über den grundsätzlichen Wert von Freiheitsrechten. „Das Glück der Freiheit und die Dämonen der Diktatur“, so der Titel des Vortrags – Freiheit, die immer auch die Freiheit des anderen meint – unabhängig von der Zugehörigkeit zu Gruppen und unabhängig von der Herkunft.

„Sonnenklar war, dass das Kongressformat des Open Space für dieses Thema geradezu zwingend gesetzt war, denn Demokratie lebt von der und durch die Beteiligung der Akteure“, heißt es im Vorwort zum Kongressprogramm. Ein Open Space ist, bei 378 Anmeldungen für den Kongress, ein ambitioniertes Vorhaben, das dank des Moderationsteams und des mitreißenden Einführungsvortrages des Direktors als gelungen gelten kann. Demokratie erfahrbar machen – das ist die Idee, die hinter dem Modus des zweiten Veranstaltungstages liegt.
Sicher ist, dass die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer*innen ein basisdemokratisches Verfahren, das für Großgruppen – also auch z.B. für Schulversammlungen möglich ist – positiv erlebt und vielleicht damit eine neue Idee für partizipative Schulentwicklung mitnimmt. Eine Vielzahl von Anliegengruppen in drei Zeitschienen belegt die Bereitschaft der Teilnehmenden eigene Fragestellungen einzubringen, sich auszutauschen und Anregungen mitzunehmen. Ob es um demokratische Mitbestimmung in der offenen Ganztagsschule geht, um Demokratie im Umweltschutz der Schule, die Einrichtung eines Schüler*innenparlaments, um Fragen der Lehrer*innenrolle angesichts der AfD-Online-Plattformen – oft stehen Fragen von Demokratisierung der Schule im Mittelpunkt. Es geht aber auch um die Vision von „Schule als gutem Ort“, die Schulleiter Lengwenus schon in seinem Einführungsvortrag angesprochen hatte: Wie sehen Gelingensbedingungen für multiprofessionelle Teams aus? Wie beteiligen wir Lernende am eigenen Lernen? Wer hat Erfahrung mit Peeransätzen (Schüler*innen helfen Schüler*innen)? Und es gibt den Wunsch, sich mit Eltern, Partner*innen von Schule, Schule im Stadtteil zu beschäftigen.

 „Be part“ – einer der Leitgedanken für die Schule Alter Teichweg thematisiert eine Grundfrage der Inklusion: die der Zugehörigkeit. Und das mit einer selbstverständlichen Aufforderung, die auch an die Verantwortlichkeit desjenigen appelliert, der eigentlich schon dazugehört (Eine Schule für alle), aber für sich selbst diese Zugehörigkeit nicht empfindet. Wie kann diese Verantwortungsübernahme als grundlegende Haltung für eine demokratische Gesellschaft gelingen? Was können wir als Pädagog*innen tun, um politisch-demokratisches Engagement zu fördern? Wie gelingt es, Schüler*innen für die Mitarbeit im Jugendbeirat des Stadtteils (keine Selbstverständlichkeit, sondern ebenfalls Errungenschaften einer demokratischen Kommunalpolitik) zu gewinnen? Ein junger Kollege berichtet in seiner Anliegengruppe von der Kooperation mit einem Stadtteilbeirat in Bremen und dem begrenzten Interesse von Schüler*innen an dieser „institutionalisierten“ Form demokratischen Handelns. Gleichzeitig hat sich aber ein Teil dieser Schüler*innen entschieden, sich regelmäßig in einer AG zum Thema „Homophobie“ zusammenzufinden – trotz ihres ständigen Unterwegsseins in den Sozialen Medien. Wie wertvoll, einen geschützten Raum für direkte Kommunikation und Reflexion zu haben! Demokratie als Gesellschaftsform braucht genau diese Denkräume.

Großen Zulauf findet die Gruppe, die sich mit der Frage der gesellschaftlichen Transformation und ihren Auswirkungen beschäftigt. Die Konfrontation mit dem gesellschaftlichen Auseinanderfallen, die Herausforderung, Partikularinteressen ins Verhältnis zu setzen mit einem notwendigen gesellschaftlichen Grundkonsens, die wachsende Armut – Aufgaben, denen sich die Schule stellen soll, muss, kann? Viele Sorgen, Befürchtungen, Ängste werden in der Gruppe geäußert, aber auch Grenzziehungen vollzogen, was Schule leisten kann und was nicht. Bedeutsam die Frage nach der Rolle und Verantwortung der Lehrer*innen – wie oft ist auch aus ihrem Mund die Rede von „den Politikern“. Differenzierung, Klarheit in der Aufgabe, Kinder und Jugendliche in ihrem Demokratieverständnis zu fördern („Demokratie fällt nicht vom Himmel“), Sicherheit in der Überzeugung und im Umgang mit Grundrechten sind Leitgedanken, denen sich viele anschließen können.

Wer definiert, was gute Beteiligung ist? Was ist, wenn Eltern einfach keine Lust auf Beteiligung haben? In der kleinen, aber sehr lebendigen Gruppe werden Erfahrungen bezogen auf mehrsprachige Eltern, Mitarbeiter_innen und Lernende ausgetauscht. Schnell dreht sich die Frage um die Macht der Sprache und darum, wie es gelingen kann, auch Mehrsprachigkeit als gesellschaftlichen Normalfall zu leben. Wie „richtig“ muss jemand wo sprechen? Fehlerkultur? Ressourcenorientierung? Einig sind sich die Teilnehmenden darüber, dass es letztlich darum geht, die Chance (und ggf. notwendige Unterstützung) zu haben, seinen eigenen Lebensentwurf zu verwirklichen – egal ob Ärztin oder Friseur.

Als Mitglieder des Nordnetzwerks der DeGeDe (Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen) haben wir die Anfrage des Ganztagsschulverbandes gern unterstützt und waren in diversen Anliegengruppen und mit einem DeGeDe-Stand dabei. Ganz nebenbei auch Zeit für uns zum inhaltlichen Austausch. Zur Nachahmung empfohlen!

von Kurt Edler und Regina Piontek, 23.11.2018